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Stressmanagement in der Krise – Wieso Manager gerade in Zeiten von Corona Resilienz zeigen müssen

Ein Beitrag von: Kirsten Hollstein, Psychologin, M.Sc.

"Man never made any material as resilient as the human spirit."

Bernard Williams, Philosoph

Der englische Philosoph Bernard Williams bringt in seiner Aussage den aktuellen Stand der Wissenschaft auf den Punkt: Die geistige Widerstandsfähigkeit ist eine unserer mächtigsten Waffen auf dem Weg zur erfolgreichen Krisenbewältigung. Belastbarkeit gehört heutzutage zum persönlichen Standardrepertoire von Angestellten aller Hierarchieebenen, ja sogar zur Arbeitsvoraussetzung. Durch eine ungenaue Definition und dem inflationären Wortgebrauch weicht der Einfluss tatsächlicher Resilienz aber häufig auf und verschwindet als nahezu unmöglich messbare, subjektive Kraft im Potenzialkeller des Unternehmens. Was Widerstandsfähigkeit aber eigentlich genau ist, wodurch sich diese Kraft im Unternehmen bemerkbar macht und warum resiliente Führungskräfte jetzt zu den wichtigsten Krisenmanagern des Unternehmens werden, erfahren Sie in den kommenden Leseminuten.

Zu den Herausforderungen unbeständiger Märkte, progressiver Digitalisierung oder disruptiver Technologien am Arbeitsplatz, müssen sich die führenden Köpfe der Wirtschaftsunternehmen nun einer massiven Rezession und der damit verbundenen Sorge um die Zukunft der Mitarbeitenden und sich selbst stellen. Diese Arbeitsbedingungen bieten langfristig einen fabelhaften Nährboden für die absolute Erschöpfung der eigenen Ressourcen. Ist es also nur eine Frage der Zeit bis Führungskräfte am äußersten Rand ihrer Belastungsgrenze ächzend in die Knie gehen? Eine allgemeingültige Antwort hierzu gibt es nicht, allerdings legen Erkenntnisse der psychologischen Forschung nahe, dass Resilienz einer der wichtigsten Faktoren im erfolgreichen Umgang mit Stress und Belastungen darstellt.

Resilienz ist die Fähigkeit ungünstigen Lebensvoraussetzungen standzuhalten, effektiv mit ihnen umzugehen und gestärkt aus ihnen hervorzutreten.

Resilienz kann dabei als kontextstabile Eigenschaft betrachtet werden und bildet damit ein protektives Puzzleteil der Persönlichkeit ab. Konkret verbirgt sich hinter dem Begriff die Fähigkeit ungünstigen Voraussetzungen des Lebens standzuhalten, effektiv mit ihnen umzugehen und gestärkt aus ihnen hervorzutreten (Walsh, 2006; Werner & Smith, 2001). Thomas Mann resümierte dazu bereits vor über hundert Jahren: „Alles Große steht als ein Trotzdem da“. So verhält es sich auch mit der Resilienz: sie entsteht unter suboptimalen Bedingungen und kann nur schlecht in künstlichen Settings trainiert werden. Schießen wir die gute Nachricht also direkt vorweg: Wir befinden uns aktuell auf einem extrem effizienten Trainingspfad zugunsten unserer persönlichen Resilienz.

Führungskräfte müssen kühl und sachlich bleiben, jedoch auch die Integrität besitzen, konstruktiv Widerstand zu leisten, wenn nötig!

Um ein Unternehmen jetzt ruhig und besonnen durch die Krise zu führen, ist eine ruhige und besonnene Führung unabdingbar. Hochresiliente Führungskräfte zeichnen sich durch Nüchternheit im Begreifen der Wirklichkeit und einem gewissen Stoizismus aus. Dadurch kompensieren sie Belastungen besser und erkennen Strukturen schneller. Dies macht sich unter dem Brennglas der aktuellen Corona-Krise noch deutlicher bemerkbar als sonst. Situationen werden mit allen angenehmen und unangenehmen Szenarien gleichermaßen sachlich durchdacht und kommuniziert. Mitarbeitende dürfen dadurch mit kühler, aber vollständiger Transparenz „von oben“ rechnen. Wertschätzendes Verhalten und Lösungsorientierung prägen dabei das feste Fundament für die Zusammenarbeit mit widerstandsfähigen Führungskräften. Resilienz bedeutet allerdings nicht nur Belastungen Stand halten zu können, sondern ebenso Widerstand zu leisten, wenn nötig. Die eigene Integrität steht dabei stets an vorderster Stelle: resiliente Führungskräfte erfassen ambivalentes und destruktives Verhalten im Unternehmen genau, distanzieren sich davon und generieren konstruktive Alternativen. Eine Eigenschaft, die das Unternehmen im ersten Schuss zwar vor den Bug treffen und gerade in Krisenzeiten zu hörbarem Zähneknirschen führen kann, nachgeschaltet aber stets eine stabilere Rekonstruktion für das Unternehmen ermöglicht. Diese Authentizität und Klarheit widerstandsfähiger Führungskräfte bieten dem Unternehmen die gerade jetzt so nötige Kitt- und Katalysatorfunktion, um die Krise gemeinsam und sicher durchzustehen.

Unternehmen und ihre Führungskräfte brauchen Kampfgeist

Es ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, unwegsame Zeiten aus eigener Kraft heraus bewältigen zu können. Hierzu bedarf es einer stabilen Selbstwirksamkeitserwartung, einem gewissen „Fighting Spirit“ und der Fähigkeit das Beste aus der Situation zu machen. Für die Führungsebenen der Wirtschaftsunternehmen bedeutet die aktuelle Situation konkret eine tägliche Abwägung und Neubewertung von Risiken, drastische Einschnitte in die Budgets und das Treffen harter, personeller Entscheidungen. Durch die Brille widerstandsfähiger Führungskräfte reorganisiert sich dabei die Frage nach einem „Wie konnte das nur passieren?“ automatisch in ein „Was ist jetzt zu tun?“, und wird damit zum handlungsorientierten Gamechanger. Resiliente Führungskräfte sind gerade für die aktuellen Herausforderungen eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung und den Erhalt des nötigen Kampfgeistes im Unternehmen, um der Krise als ein Wir Stand zu halten

Lévi-Strauss' Bricolage als Lösungsstrategie

Der erste Schritt auf dem Weg durch unwegsame Zeiten ist dabei die radikale Akzeptanz der Situation. Es ist wie es ist! Selbstmitleid und Bedauern stehen einem konstruktiven Umgang mit der Krise im Wege.
Im nächsten Schritt kommt es darauf an, aus allen zur Verfügung stehenden Mitteln das Beste herauszuholen. Resiliente Menschen suchen nach Lösungen: kreativ, pragmatisch und unkonventionell. Claude Lévi-Strauss prägte 1962 dazu den Begriff Bricolage, der sich vom französischen bricoler (herumbasteln, zusammenfummeln) herleitet. Dieser beschreibt sowohl eine Notfallstrategie zum Erhalt der unternehmerischen Handlungsfähigkeit, als auch die Widerstandsfähigkeit der Gesamtorganisation unter Beibehaltung des Identitätsbewusstseins in Krisenzeiten (Duymedjian & Rüling, 2010). Bricolage umfasst einen Lösungsprozess, der zwischen den Aspekten „tüfteln“, „improvisieren“ und „schrittweisem Progress“ rotiert. Tüfteln kostet nicht viel, stabilisiert und verhindert damit eine potenzielle Schockstarre der Teams. Improvisation stellt eine provisorische Funktionalität des Unternehmens wieder her und der schrittweise Progress meint die anspruchsfreie Wertschätzung der kleinen Erfolge auf dem Weg aus der Krise. Resilienz setzt sich auf der Suche nach innovativen Lösungen in diesem Zusammenhang über dysfunktionale Prozesse und ausgehebelte Betriebsvereinbarungen hinweg und ermöglicht dem Unternehmen dadurch eine neue Handlungsfähigkeit.

Unkonventionelle Wege aus der Krise

Der Mut zum Weiterdenken, der absolute Wille sich am eigenen Schopfe aus der Misere zu katapultieren sowie die Bereitschaft neue Perspektiven zu entwickeln und gemeinsam unkonventionelle Wege zu gehen sind die Grundausrüstung resilienter Manager, um ihr Unternehmen jetzt gestärkt aus der Krise führen zu können.

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Kirsten Hollstein

Kirsten Hollstein

Autor des Beitrags ist Kirsten Hollstein, Psychologin, M.Sc.